Eine Personengruppe steht oder sitzt vor einer Wand mit Aufschrift "Infocenter Gartenbau"
Stefanie Rudolph
Erstellt von Stefanie Rudolph |

Feilschen um Blumen und andere Einsichten

Exkursion zur Internationalen Pflanzenmesse nach Essen: Alle Jahre wieder – und doch jedes Mal etwas Neues!

Für einen Großteil der Teilnehmenden war es vermutlich das Highlight der diesjährigen Exkursion: der Besuch der Blumenbörse Veiling Rhein-Maas nahe der niederländischen Grenze. Das lag nicht etwa daran, dass die Internationale Pflanzenmesse (IPM) in Essen – Weltleitmesse des Gartenbaus und eigentliches Ziel der HTWD-Studierenden und -Mitarbeiter aus Pillnitz – weniger interessant war. Immerhin bot sie in 10 Hallen auf rund 100.000 Quadratmetern 1476 Aussteller aus 41 Ländern! Aber einen geführten Rundgang durch eine der größten Blumenbörsen Europas – noch dazu der beinahe einzigen, in der die Ware den Händlern bei der Versteigerung noch physisch präsentiert wird – das erlebt man nicht aller Tage! Genau das aber stand für den Abreisetag noch auf dem Programm.

Ein weiterer Grund, weshalb die Blumenbörse diesmal das Spannendste war: Unter den Exkursionsteilnehmern gab es viele „Wiederholungstäter“ – und wer die IPM in Essen bereits erlebt hat, ist von deren riesigem Angebot vielleicht nicht mehr ganz so überwältigt wie beim ersten Besuch. Dass so viele Studierende erneut mitkamen, spricht jedoch für sich. Volker Birth, der auch diesmal die Exkursion organisierte und das HTWD-Angebot am Gemeinschaftsstand der Bildungsinstitutionen mit betreute, sieht es noch aus einem anderen Blickwinkel: „Es hat wieder viel Spaß gemacht! Wir waren die einzige Gartenbau-Hochschule, die sichtbar auch mit Studierenden vertreten war. Das schaffen sonst nur die Fachschulen, aber keine andere Hochschule mehr!“

Netzwerken auf der Messe auch für Studierende wichtig

Wie berechtigt sein Stolz ist, und weshalb sich der Besuch der IPM für die Studierenden lohnt, demonstrierte eindrucksvoll eines der für die Gruppe arrangierten Messegespräche. Letztes Jahr selbst noch studentischer Teilnehmer, hieß Philipp Heidel-Weizel nun am Stand von Kordes Jungpflanzen seine ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen willkommen. Damals stand er kurz vor Abschluss des Masterstudiums, wurde unerwartet auf der Messe von dem Traditionsunternehmen mit europaweit bekanntem Namen angeworben. Diesmal nun präsentierte er nicht nur die Firma allgemein, sondern auch Insider-Erkenntnisse – Wissen, das kein Studium, sondern nur gelebte Erfahrung in der Branche vermitteln kann. 
Sein Rat für den erfolgreichen Karriere-Einstieg etwa lautet, sich zumindest am Anfang bei „den Großen“ am Markt zu bewerben. Mit dem erworbenen Wissen und neuen Kontakten könne man danach sehr viel weiter agieren, es stünden einem einfach mehr Wege offen. Am Beispiel von Kordes Jungpflanzen erklärte Heidel-Weizel die Praxis von Lieferketten, Upscaling, Bestellmethoden und die Bedeutung von Neuerungen und Verkaufskonzepten. Und weil trotz aller einleuchtender Theorie im Studium den Gartenbaulern das oft erst dann richtig klar wird, wenn sie selbst Verantwortung übernehmen müssen, betonte der Jung-Manager auch, wie wichtig Marketing für den wirtschaftlichen Erfolg in der Pflanzenproduktion ist!

Nachdenken nicht vergessen

Das konnte man dann an anderen Ständen sehen – nicht immer ganz „ast-rein“. Aufgefallen ist da besonders eine große und optisch eindrucksvolle Kampagne, für deren Werbe- und Sympathieträger ausgerechnet Cartoon-Figur und Kinderliebling Biene Maja herhalten musste: Videospots, Infotafeln mit Fakten zu Bienen, dazu Einstecker in Töpfen und große Banner, die vollmundig erklären „Gut für Dich, großartig für Bienen. Voller Nektar, voller Pollen“. Prima eigentlich. Problem nur: sie prangten an Roll-Containern mit Mini-Petunien! Mini-Petunien allerdings – egal ob unter dem modischen Namen „Zauberglöckchen“, den Marken- und Handelsnamen „Surfinia“ oder „Supertunia“ oder dem gärtnerisch eindeutigeren „Calibrachoa“ – sind wie viele der klassischen Beet- und Balkonpflanzen keine Bienennährpflanzen. Ganz im Gegenteil, sie werden von Insekten meist überhaupt nicht beachtet! 
Schön, wenn entsprechende Produzenten auch etwas für die Biodiversität tun wollen, die Tipps der begleitenden Kampagne mögen hilfreich sein – die spezielle Art der Bewerbung in diesem Fall grenzte aber an Irreführung des Verbrauchers, wenn nicht gar Konsumententäuschung. Auch für die Grüne Branche gilt leider: Nicht überall, wo für Gutes geklappert wird, ist auch uneingeschränkt Gutes drin. Lehrreich war es aus studentischer Sicht allemal: Kritisches Mitdenken nie vergessen und sich ab und zu die generellen Fragen stellen „Welche Werte vertrete ich, welchen Weg möchte ich gehen?“

Blendschutz für LED-Lampen – kostet wenig, bringt viel

Zum Glück setzt die Mehrheit der Firmen auf der Messe nicht auf bloße Augenwischerei, sondern tatsächliche Innovationen und Verbesserungen. Ein gutes Beispiel bekamen die Studierenden am Stand der Firma DH Licht vorgeführt. Da bereits im Vorjahr dort ein Firmengespräch für die Exkursionsteilnehmer stattgefunden hatte, war mancher unsicher, ob es bei der Fülle an anderen Möglichkeiten nicht Zeitverschwendung sei, erneut mitzukommen. War es nicht. Diesmal vom Gründer und Geschäftsführer persönlich empfangen und über Geschichte und Werdegang informiert – inklusive der tröstlichen Erkenntnis, dass nicht jeder erfolgreiche Unternehmer bereits als Kind seine Berufung findet – blieb besonders eine simple und doch wertvolle Neuerung in Erinnerung: ein Blendschutz für Gewächshauslampen in Schauanlagen. Um die Augen des Publikums zu schonen und auf das Wesentliche zu lenken, lässt sich ein eigens entwickeltes Loch-Raster vor die Lampe schieben und das Licht fällt nur dorthin, wo es soll – auf die Pflanzen. Kosten: unter 20 Euro, Wirkung: enorm. 

Der Anstoß zu dieser Entwicklung kam übrigens direkt aus Gesprächen mit Kunden. Man sei nicht nur Verkäufer, sondern Marktbegleiter – und genau darin unterscheide man sich von anderen Anbietern. Letztere offerieren meist billigere Pflanzenleuchten ohne längerfristigen Service. Auch wenn sich in der Praxis nicht jeder Produktionsbetrieb die teureren leisten könne: Qualität lasse sich nicht zuletzt an Langlebigkeit, der Möglichkeit, Ersatzteile zu bekommen, und einem deutlich geringeren Flackern der Lampen messen. Während das menschliche Auge dieses Flackern in bestimmten Wellenlängen kaum wahrnehme, könne es Tiere teilweise in den Wahnsinn treiben, beim Einsatz in Geflügelhäusern sei es deshalb sogar schon zu Kannibalismus gekommen.

Kooperationen zwischen Firmen und Forschung

Auch aktuelle Kooperationen und Projekte der Firma wurden vorgestellt – manche klangen wie Sciencefiction. Dass farbige LED-Leuchten im Gartenbau zunehmend eine Rolle spielen, um die Kulturführung effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten, ist den Gartenbau-Studierenden natürlich bekannt. Auch an der HTWD in Pillnitz gibt es Versuche, in der Pflanzenproduktion mit gezieltem Einsatz von rotem oder blauem Licht beispielsweise Wuchshemmstoffe zu ersetzen. Eine der Teilnehmerinnen, Josefa Theumer, schreibt derzeit ihre Bachelorarbeit zu der Thematik. Aber dass Bildschirme mit grünem Licht insbesondere Schädlinge wie die Weiße Fliege anlocken, die dann mittels KI dort noch exakt bestimmt werden (könnte ja auch ein harmloses oder gar nützliches Insekt sein) um schließlich mittels Laserimpuls beseitigt zu werden, gehört noch nicht zum Standard-Lehrstoff! 

Dass auch an Low-Tech-Methoden geforscht wird, zeigte andernorts ein Beitrag von der Staatsschule für Gartenbau Stuttgart-Hohenheim: Um den Einsatz von Insektiziden im Erwerbsgartenbau zu reduzieren, setzt man dort auf karnivore Pflanzen, die in regelmäßigen Abständen leicht erhöht zwischen die Kulturen gestellt werden. Ein Problem, zwei unterschiedliche Ansätze, aber beide inspirierend für die IPM-Besucherinnen und -Besucher.

Generell gilt: Nur Mut und Ansprechen

Und dann sind da noch die Zufälle, die eine solche Messe mit sich bringen kann. Der Aussteller in Halle 2 zum Beispiel hatte nicht wirklich etwas mit dem Thema zu tun, dass sich die Autorin dieses Artikels für ihre Masterarbeit ausgesucht hat. Aber da an seinem Stand gerade nicht viel los war und der deutliche Akzent seine amerikanische Herkunft verriet, fragte sie ihn doch spontan nach seiner allgemeinen Einschätzung einer bestimmten Situation. Es ging um die gartenbauliche Verwendung heimischer vs. nicht-heimischer Pflanzen in den Staaten – eine ideologische, gelegentlich nahezu fundamentalistisch geführte Debatte, die die Autorin bislang nur aus der Ferne beobachtet hatte. Eine gute halbe Stunde später war sie um viele Hintergrundinformationen, Tipps, und sogar Kontaktdaten reicher: Die knappe allgemeine Frage hatte sehr schnell in die Tiefe und ins Spezielle geführt, der Aussteller war zwar mit etwas ganz anderem auf der Messe, aber an dem Thema der Studentin interessiert und durchaus mit der Materie bewandert. Fazit: Manchmal lohnt es sehr wohl, auch vermeintliche Abwege zu erkunden, Fragen zu stellen auch wenn man nicht sicher ist, ob Antworten gegeben werden.

Tradition versus Moderne – Umbruch macht sich überall bemerkbar

Zurück zum Besuch der Blumenbörse am Abreisetag. Wie außergewöhnlich die Gelegenheit tatsächlich war, wurde erst vor Ort klar: Der Trend geht eindeutig zur rein digitalen Versteigerung, wo die Ware in Kühlhäusern bleibt, nur noch durch ihre Fotos repräsentiert wird und es sich für die Händler demzufolge auch nicht unbedingt lohnt, vor Ort präsent zu sein. Die berühmte internationale Blumenbörse Aalsmeer in den Niederlanden hat seit der Corona-Pandemie völlig darauf umgestellt. Auch bei der Veiling Rhein-Maas, einem 2010 gegründeten Joint-Venture der Unternehmen Landgard und Royal FloraHolland, bieten schon viele Händler aus dem Homeoffice oder sogar aus Bali. Letzteres, so wurde uns schmunzelnd mitgeteilt, dann aber während ihres Urlaubs und „typischerweise aus dem Büro des Hoteldirektors, weil dort die Internet-Verbindung am stabilsten ist – und das ist bei solchen Versteigerungen wirklich der entscheidende Faktor!“ Noch aber sitzt in der Veiling Rhein-Maas ein Großteil der Bieter in der Halle.

„Blumen-Zocken“ in Aktion: Reizüberflutung gratis

Wer bei Versteigerung an „Zum Ersten – zum Zweiten – zum Dritten!“ denkt, liegt hier allerdings falsch. Die Blumenbörse funktioniert anders. Und für Neulinge wie die HTWD-Exkursionsteilnehmenden im ersten Moment völlig undurchschaubar: Acht große LED-„Uhren“ – vier jeweils für Schnittblumen und Topfpflanzen – die „rückwärts“, also gegen den Uhrzeigersinn, laufen, dominieren den Saal. Die Versteigerer setzen nach Ermessen und Marktlage die Ausgangspreise fest, dann nehmen diese wie auf den „Uhren“ ersichtlich stetig ab. Die Händler bzw. Bieter ihrerseits versuchen, bei einem möglichst günstigen Preis zuzuschlagen. Das ist wörtlich zu verstehen: Die Desks haben Knöpfe, die dazu gedrückt werden! Währenddessen rollen die Containerwagen langsam auf einer Kettenbahn durch die Verkaufshalle, und Mitarbeiterinnen zeigen immer mal einzelne Blumenbunde oder Pflanzen vor. Wir haben mehrere Händler mit Fern- oder Opernglas ausgemacht. 

Wenn kein Händler während des Durchlaufs der Container bietet bzw. sich nicht der gesamte Inhalt eines Karrens verkauft, wird die Ware vernichtet. Das Herausfischen aus dem Müll selbst einzelner Stiele dieser oft noch wunderschönen Blüten und Pflanzen ist Kündigungsgrund sogar für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Börse. Man kann die Marktlogik dahinter verstehen, für blumenliebende Menschen ist die Vorstellung jedoch eine Katastrophe. Denn auch wenn dies laut Auskunft weniger als 1% des Angebots betrifft, so sind die absoluten Zahlen dennoch hoch. Immerhin: an diesem Freitag wurde die Ware aller 1122 Containerwagen ersteigert, vernichtet werden musste somit nichts !

Wie bei Konzerten: Hinter der Bühne spielt sich viel mehr ab

Während Saskia Meyer, Sortimentsmanagerin Topfpflanzen, dem HTWD-Besuch die Funktionsweise der LED-Uhren und den Ablauf in der Versteigerungshalle erklärte (und die dadurch sogar so etwas wie Durchblick oder zumindest Orientierung im blinkenden „Chaos“ bekamen), führte Hans-Peter Riskes – zuständig für Sortiment und Versteigerung von Schnittblumen – die Gäste im Anschluss durch die Logistik im Hintergrund.
Ein paar Zahlen: 10 km Kettenbahn (Ersatzteile nur noch als Sonderanfertigung des Herstellers für die Veiling Rhein-Maas!) sind hinter den Kulissen der Versteigerungshalle verlegt. Das gesamte Gelände mit Kühlhallen, Aufbereitung, (Um-)Verteilung der Ware, Container-Waschanlage, Büros, Lieferrampen zum Andocken für ungefähr 1000 Kunden und 2100 Anlieferer (viele davon Produzenten aus der Region) usw. nimmt rund 220.000 m² Grundfläche ein. 424 Millionen Euro Umsatz im letzten Jahr machte die Veiling Rhein-Maas nach eigenen Angaben – das muss man mit Pflanzen, die ja nicht gerade hochpreisige Güter sind, erst einmal schaffen! Es werden jährlich etwa 1 Million CC-Container (klassische Rollwagen voller Pflanzpaletten aus dem Gartencenter) und ca. 310.000 Stapelwagen mit Eimern oder flachen Kartons voller Schnittblumen durchgeschleust. Allerdings gibt es im Frühjahr und Sommer eine klare Hochsaison, dazu die klassischen Peaks vor Valentins- und Muttertag. Während dann gut 10.000 Wagen täglich zur Versteigerung gelangen, war es jetzt im Januar nur etwa ein Zehntel davon. 

Blumenbörsianer: ein Beruf nur für Frühaufsteher

Wie interessiert und motiviert die Exkursionsteilnehmenden waren, zeigt sich übrigens auch an folgendem Detail: Ursprünglich mit „Abfahrt Jugendherberge 6 Uhr“ angekündigt, musste dieser schon recht frühe Termin aufgrund der jahreszeitlich-bedingt geringen Warenmenge nochmals vorverlegt werden, sodass die Wecker um un-studentische 4.30 Uhr klingelten! Dennoch waren fast alle mit von der Partie. Masterstudentin Annette: „Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt – wir haben einen tollen Einblick in diese besondere Form der Vermarktung bekommen!“ 

Wo man singt, da lass dich auch mit nieder…

Dass bei der dreitägigen Exkursion auch diesmal der Spaß nicht zu kurz kam, versteht sich von selbst: Von der Schneeballschlacht am Autobahnrastplatz bis zum „Stimmbandtraining“ gab es wieder reichlich Gelegenheit, gemeinsame Momente zu erleben. Anders als letztes Jahr stand das Gemeinschaftszimmer mit Klavier der Jugendherberge leider nicht zur Verfügung – aber Jannes Weißer, 7. Semester und kurz vor dem Bachelorabschluss, hatte vorgesorgt und seine Gitarre mitgebracht. Und so versammelte sich die Gruppe dann am späteren Abend im Rezeptionsbereich und stimmte inbrünstig und querbeet ein Lied nach dem anderen an.
Auf leicht besorgte Nachfrage am „Morgen danach“, ob es denn Beschwerden gegeben habe, widersprach die nette Dame an der Rezeption energisch: „Im Gegenteil!“ Also dürfte die HTWD auch nächstes Jahr wieder in Essen willkommen sein. 😊

Erstellt von Stefanie Rudolph |

Kontakt

M.Sc. Volker Birth

Standortmanagement Pillnitz

M.Sc. Volker Birth

Prof. Dr. rer. pol. Bernd Hardeweg

Vorsitzender Prüfungsausschuss Pillnitz

Prof. Dr. rer. pol. Bernd Hardeweg